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Ein Strich? Eine Welt! – Paula Bossios „Oh!“

„El lápiz“, also „der Bleistift“ ist der Originaltitel von „Oh!“, und ich kann mich gar nicht entscheiden, welchen Titel ich für dieses ungewöhnliche, poetische Pappbilderbuch ohne Worte passender finde.

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(für Eilige geht es am Ende der Seite mit dem fettgedruckten Fazit weiter)

Auf der ersten Seite – dem Cover – entdeckt ein kleines Mädchen ganz erstaunt (Oh!) einen grauen Strich am Boden. Auf Seite zwei nimmt sie ihn hoch – und ab diesem Moment wird aus dem Strich eine ganze Welt. Zunächst wirkt es, als würde das Mädchen diese Welt formen: Sie schlägt „Wellen“ mit dem Strich, wie man es mit einem Seil tun würde, rutscht darauf, bläst runde Seifenblasen in den Strich und hangelt mit einem Affen daran entlang. Dann aber entwickelt der Stift ein Eigenleben, wird sogar zu einem gefährlichen Monster. Aber natürlich, keine Angst, geht alles gut aus. Und die allerletzte Seite – das rückwärtige Cover – löst das Rätsel – oder bricht mit der Illusion, wie man will: Dort ist das andere Ende des Strichs zu sehen, gezeichnet von einem Bleistift, den ein verstohlen kichernder Junge hinter sich her zieht.

Bossio - Oh! - Beispielseite
Rutschen auf dem Strich

„Oh!“ ist wenige Jahre nach der Erstauflage 2012 schon wieder aus dem Programm von Coppenrath verschwunden. So gut mir das Buch gefällt, überrascht mich das nicht. Die Zeichnungen sind nicht sehr farbenfroh und sehen auf den ersten Blick aus, als stammten sie von einem Fünfjährigen. Wie meisterhaft die Bildkomposition ist und wie wenig die spanische Paula Bossio braucht, um ihrem kleinen Mädchen Leben einzuhauchen (sozusagen das gleiche Prinzip wie beim Strich selbst: weniger ist mehr), sieht man erst, wenn man sich näher mit den Illustrationen beschäftigt. Und dann ist auch noch das Konzept so eigenwillig. Ich war auch nicht sicher, ob mein Wicht schon etwas mit diesem Büchlein anfangen kann, oder ob es nicht eins von diesem Bilderbüchern ist, die mehr für die Eltern sind als für das Kind. Aber nein: Der Wicht war sofort begeistert.

Wie eigentlich jedes Bilderbuch ohne Worte lädt „Oh!“ zum gemeinsamen Entdecken und Interpretieren ein, und ich glaube, die einfachen Illustrationen und das viele Weiß unterstützen das noch. Außerdem ist ja die Idee selbst quasi ein Plädoyer für Kreativität, Phantasie und Flexibilität. Das mögen die Adressaten des Buchs noch nicht bewusst verstehen, aber ich glaube, intuitiv kommt die Botschaft bei unserem Wicht durchaus an.

Also?

Paula Bossios „Oh!“ mag nicht den Anspruch haben, Kindern etwas über ihre Welt beizubringen und bringt auch keine Prädikat-wertvoll-Botschaft mit, nichts zum Thema Streit, Schnuller oder Zähneputzen. Aber was das Buch zu sagen (bzw. zeigen) hat, finde ich persönlich noch viel wichtiger: wie einfach ein Strich zu einer ganzen Welt werden kann. Und letztlich lernen die jungen – und alten – Betrachter wahrscheinlich doch etwas: den abstrakten Strich zu interpretieren und zu einer konkreten Geschichte umzugestalten.

Wo Kann man’s kaufen?

Wer das Buch erstehen möchte, obwohl es beim Verlag leider nicht mehr zu haben ist, wird im Internet fündig: Es gibt jede Menge gebrauchte Angebote.

Details:

Paula Bossio – Oh!
Original-Titel: El lápiz
Coppenrath Verlag 2012
Pappbilderbuch (etwas größer als CD-Format), 26 Seiten
ISBN: 9783649609421

 

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