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Das ist meine ganze Welt

Wow, was für ein Versprechen! Die ganze Welt in Buchform? Naja, fast. Das ist meine ganze Welt - CoverDie französische Illustratorin Séverine Cordier folgt in diesem dicken Bilderbuch drei Geschwistern durch den Tag. Zu sehen sind die Kinder dabei eher selten, dafür eher die Dinge, die sie umgeben: Frühstücksschüsseln, Wäscheleine, Knechtförchmen, Feuerwehrauto, Marienkäfer, Badehandtuch. In erster Linie ist es also ein Wörterbuch. Und es zeigt tatsächlich die ganze Welt der Kinder.

Kurzversion für Gestresste: 

Pro: Toller Zeichenstil, kein bisschen kitschig, schöne, poetische Momente im Tag eingefangen - wunderschönes Wörterbuch, geeignet ab 12 Monaten 

Kontra: Dünne und wahnsinnig viele Seiten - nicht gerade ideal für Kleinkinder

Dies ist das mit Abstand dickste Bilderbuch für dieses Alter, das ich je in der Hand gehalten habe. 180 Seiten. Und der kleine Wicht weiß ganz genau: Um durch die durchzukommen, brauchen wir eine halbe Ewigkeit. Kein Wunder, dass „Das ist meine ganze Welt“ so ein beliebtes Buch vorm Schlafengehen ist.

Tatsächlich haben wir dieses Buch, seit wir es in der Bibliothek gefunden haben, laufend angeschaut. Glück für mich, dass der Wicht es so gerne mag, denn dies ist locker das niedlichste Wörterbuch, das ich je in der Hand hatte. Sogar niedlicher als mein geliebter „Baby’s Catalogue„.

Die drei Geschwister – zwei Schwestern und ein Bruder zwischen einem und vielleicht sechs Jahren – sind sympathische, neugierige Kinder, die auch schonmal Blödsinn machen (Chaos am Frühstückstisch, Finger in der Marmelade, Buntstift an der Wand).

Vor allem aber gefällt mir das Buch optisch: Von der leicht krakeligen Schrifttype über die Farben (nie grell, aber trotzdem bunt) bis hin zu Cordiers Zeichenstil, der an den Look vieler aktueller französischer Comics erinnert: Die Linien sind ganz klar, so dass alles sofort zu erfassen ist – aber sie sind nie ganz gerade, und zwei Socken (oder Schuhe – oder Schneebälle) nie exakt gleich groß.

Das ist sicher Geschmackssache, aber mir gefällt diese bewusste, fast schon poetische Imperfektion. Außerdem sind die Seiten ganz abwechslungsreich gestaltet: Mal ist da nur ein Teddy, mal vier paar Strümpfe, mal spielt sich eine ganze Szene ab – oder sogar mehrere. Und zuguterletzt ist die „ganze Welt“ der drei Kinder  angenehm klischeefrei. Ums Kuchenbacken kümmern sich zum Beispiel nicht Mama und die Mädels, sondern Vater und Sohn.

Bleibt die Frage: Für wen ist dieses tolle Buch gedacht? Im Prinzip haben sicher schon Einjährige was davon, denn dann beginnt ja das Wörterbuchalter. Und gerade, dass die Seiten meist nicht so überladen sind, dürfte den ganz Kleinen ja entgegen kommen. Nur kann man ihnen das Buch blöderweise nicht alleine überlassen, denn die 180 Seiten sind ganz normales Papier.

Ob aber die Drei- bis Sechsjährigen, die mit dem Material umgehen können und auch den Atem für das ganze Buch haben (mit dem man sicher eine Stunde beschäftigt ist, wenn man sich intensiv über das, was man sieht, unterhält – und dafür sind diese Bücher doch da, oder?) sich noch dafür interessieren?

Wir haben es so gemacht: Der Wicht hat das Buch nur unter Aufsicht bekommen und tatsächlich ganz vorsichtig alleine angeschaut. Meistens aber haben mein Mann oder ich es „vorgelesen“. Ganz durchgekommen sind wir dabei in den letzten drei Monaten nur ein einziges Mal – aber das war gar nicht so schlimm.

Mal lesen wir nur alle zwei oder drei Seiten, mal schauen wir nur die vordere oder nur die hintere Hälfte an und mal überschlagen wir die gesamte Mitte (vor allem dann, wann der Wicht plötzlich todmüde wird). Das geht ziemlich gut, denn weil dieses Buch mehr Wörterbuch als Geschichte ist, kann man jederzeit wieder einsteigen. Und mir persönlich kommt es sogar entgegen, weil die Wichte in diesem Alter ja oft 27 mal das gleiche Buch vorgelesen haben wollen. Und so gibt es dann immer noch etwas Neues zu entdecken.

Vielleicht will ich das Buch aber auch einfach nur so dringend mögen, dass ich mir diesen Denkfehler beim Entwurf schönrede. So oder so: Ein wunderschönes Wörterbuch. Mein neuer Liebling in dieser Kategorie, allerdings nicht für die ganz Kleinen, wo man ständig Angst haben muss, dass die Seiten zerknittern oder gar reißen. Aber für neugierige Zweijährige mit ein bisschen Sitzfleisch ist dieses Buch ein kleiner Schatz.

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