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Anarchie im Kinderzimmer: Eins – Zwei – Drei – Tier

Als wir dieses kleine gelbe Pappbilderbuch geschenkt bekommen haben, hat keiner von uns dreien geahnt, dass „Eins – zwei – drei – Tier“ zu einem der wichtigsten Gegenstände in unserem Kinderzimmer, vielleicht sogar im ganzen Haushalt werden sollte.

Budde-Eins-zwei-drei-Tier-CoverAuf den ersten Blick ist das Büchlein nämlich gar nicht so attraktiv: Die Zeichnungen sind so kritzelig, dass ich zweimal hingucken musste: Ist das wirklich ein Kinderbuch, oder vielleicht doch ein Underground-Comic aus den 70er Jahren?

Tatsächlich verbindet der Erstling der Illustratorin Nadia Budde (die inzwischen eine renommierte Illustratorin ist) das Beste aus beiden Welten: Der kleine Wicht fand das Buch schon mit ca. 20 Monaten unwiderstehlich – und wir Erwachsenen auch!

Das Konzept lässt sich nur schwer erklären, deshalb hier eine Beispielseite:

Eins-Zwei-Drei-Tier-BeispielseiteAuf jeder Seite sind vier Zeichnungen, darüber jeweils ein Begriff. Drei dieser Zeichnungen gehören thematisch zusammen (s.o.), und die vierte macht jeweils ein neues Fass auf, angestoßen durch den Reim obendrüber. [Ich sehe ein, dass diese Beschreibung kein Glanzstück ist – aber es ist mindestens mein fünfter Versuch; ich bitte um Nachsicht.]

Auf den ersten Seiten sind die Bilder und Reime noch relativ eindimensional, sozusagen zum Eingrooven: „groß – mittel – klein – Schwein“ zum Beispiel. Aber dann wird es ziemlich schnell ziemlich wild. Der Hase zum Beispiel: „mit Narbe – mit Schramme – mit Beule“. Und das Buch endet damit, dass die menschlichen Figuren des Buchs beim Maulwurf zu Gast sind, auf der Eidechse reiten und im Känguruh-Beutel spazieren getragen werden.

Ich gebe zu: Das klingt ein bisschen wirsch. Ich fürchte, wenn ich diese Rezension bis hierhin gelesen hätte, würde ich wohl nicht sofort in den nächsten Buchladen stürmen, um „Eins – zwei – drei – Tier“ zu bestellen. Und deshalb kommen hier die Gründe, warum man genau das trotzdem tun sollte:

  • Die Bilder sind witzig und trotz Krakel-Stil so liebe- wie kunstvoll. Bilder wie der unglückliche als Eskimo verkleidete Bär sind einfach großartig und hintersinnig – und dann ist da noch sowas wie der Hund „mit Fliege“. Der trägt nicht nur eine Fliege um den Hals, er führt auch eine Gassi.
  • Der Rhythmus: Es gibt nicht so viele Bilderbücher mit perfekten Reimen. Die Reime hier sind zwar sehr, sehr einfach, aber vielleicht gerade dadurch entsteht beim Vorlesen fast eine Art Sog: Der Rhythmus trägt einen weiter und weiter, die Seiten werden immer schneller umgeschlagen – und am Ende muss man einfach nochmal anfangen, weil’s so schön war. Ein bisschen wie Achterbahnfahren mit Worten.
  • Interaktivität: Bei uns ist der Wicht ziemlich schnell dafür zuständig gewesen, das „Reimwort“ (also das vierte Wort auf jeder Seite) selbst zu sagen – und das macht ihr gewaltigen Spaß.
  • Wortschatz: Kein Bilderbuch hat bei uns so rasant so viele neue Wörter in den aktiven Wortschatz gehoben wie dieses. Vielleicht sind es die Reime, vielleicht die verrückten Bilder, aber der kleine Wicht konnte jedenfalls innerhalb von kürzester Zeit alles benennen, was in diesem Buch vorkommt.
  • Anarchie: Humor, sogar Ironie, tut Kindern gut, sagt die Wissenschaft – und sie lernen schon im Baby- und Kleinkindalter, damit umzugehen. Ich habe bislang kein witzigeres Buch gefunden – und auch nur wenige, die Kleinkindern schon so viel zutrauen.

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